
Am ersten Februarwochenende fand in Lünen das og. Seminar statt.
Themenschwerpunkte waren:
Ich reiste mit der Bahn an. Am Bahnhof Lünen traf ich mit mehreren anderen Teilnehmern zusammen. Wir waren die letzten Anreisenden der Teilnehmergruppe. Unser Fahrdienst Dieter Loskill brachte uns flott und sicher ins Hotel.
Dort war an der Rezeption alles bestens vorbereitet, d.h. man hatte für jeden von uns das entsprechende Formular mit den persönlichen Daten bereits ausgefüllt, so dass wir jeweils nur unterschreiben mussten. Das war eine enorme Erleichterung für uns.
So konnten wir zügig unsere Zimmer beziehen und dann direkt ins Bistro gehen, wo wir auf die bereits angereisten Teilnehmer trafen. Bei Kaffee und Kuchen stimmten wir uns auf die erste Seminarrunde ein.
Und schwupp, wir waren schon mittendrin im Geschehen. Denn obwohl man sich nur zum Teil kannte, war man in lebendige Gespräche eingebunden. Bei mir machte sich ganz schnell das Gefühl bemerkbar: Hier fühlst du dich wohl und das wird ein gutes Wochenende. Und ich hatte den Eindruck, dass es den anderen auch so ging!
Um 16.00 Uhr begannen wir dann offiziell, und zwar mit einer persönlichen Vorstellungsrunde. Wir waren 19 Teilnehmer, mit einer Altersspanne vom Jugendlichem bis hin ins hohe Alter; einige waren von Geburt an mit der Augenerkrankung aufgewachsen, andere mussten sich seit relativ kurzer Zeit mit dem z.T. fast vollständigen Verlust des Sehvermögens auseinander setzen. Es war also eine bunt gemischte Runde.
Direkt im Anschluss an die persönliche Vorstellung stellte uns Herr Mohrhardt elektronische Sehhilfen der Firma Optron vor. Er hatte verschiedene Bildschirmlesegeräte aufgebaut, von der "Kassenausführung" bis zum "Porsche", das neueste Modell mit einem riesigen LCD-Monitor. Neben der Erklärung der Geräte mit ihren Vor- und Nachteilen, gab es viele Hinweise über Finanzierungs- und Zuschussmöglichkeiten. Der theoretische Vortrag ging schnell über in das konkrete Begreifen der Geräte. Meiner Meinung war es sehr gut, sich vor jedes Bildschirmlesegerät zu setzen und auszuprobieren, ob das Gerät zu einem selbst passen kann oder nicht.
Parallel zu diesem Ausprobieren entwickelten sich ganz schnell Gespräche im Hintergrund: Erfahrungen über die Geräte, Austausch über die jeweilige Erkrankung, wie war der Verlauf,..., es gab so viele Themen. Das Nachmittagsprogramm war jedenfalls so kompakt, dass wir fast abbrechen mussten, um zum Abendessen zu gehen. Dort fanden sich neue kleine Grüppchen, die zusammen saßen und die angeregte Unterhaltung fortführten.
Nach dem Abendessen machten wir gemeinsam einen Rundgang durch das wunderschöne Hotel (Ringhotel "Am Stadtpark"). Allein die Unterbringung mit dem Fitness- und Freizeitangebot war ein kleiner Hauch von Luxus. Es verlieh eine Spur von Urlaubsstimmung. So konnten wir die vielen Informationen der Vorträge und Gespräche in entspannter Atmosphäre gut sacken lassen.
Nach dem Rundgang fanden wir uns im Seminarraum ein, um uns die vielen Alltagshilfsmittel, die Elisabeth Krych mitgebracht hatte, anzuschauen, auszuprobieren, zu begreifen. Da gab es u.a. so hilfreiche Dinge wie Markierungshilfen für Haushaltsgeräte, eine Einfädelhilfe, eine sprechende Waage, eine sprechende Uhr und noch vieles an Infomaterial.
Und dann war der erste Tag geschafft! Wer wollte, machte noch Après-Seminar, und wer müde war, ging zu Bett.
Samstags ging es nach einem reichhaltigen Frühstück ähnlich wie am Vortag weiter.
Herr Siewert und Herr Plum, zwei Fachberater für Sehbehinderte, präsentierten im Wechsel Spezialsehhilfen. Die Runde begann damit, dass jeder einzelne einen Lesetest machte, um die individuell erforderliche Vergrößerung festzustellen.
Danach konnten wir eine Riesenanzahl an unterschiedlichsten Lupen austesten.
Besonders beeindruckend war die persönliche Beratung einer Teilnehmerin, die beispielhaft vor der Gruppe gemacht wurde. Quasi im "Schnelldurchgang" - das Mittagessen wartete schon wieder, so schnell war die Zeit vergangen - wurde ihr eine neue Lupenbrille angepasst, mit deren Hilfe sie viel besser Fernsehschauen konnte.
Am Nachmittag gab es eine Vorführung der verschiedenen Lampen: Warmlicht-, Kaltlichtlampen, transportable Lampen. Die Beleuchtung, die so viel an guter Sicht bringen kann, ist leider ein Stiefkind.
Der Samstag war voll gepackt mit Informationen. Und trotz des kompakten Tagesablaufs und der Möglichkeit, sich parallel zu den Vorträgen in kleinen Gruppen auszutauschen, fand sich am Samstagabend fast die gesamte Gruppe zum Erfahrungsaustausch ein.
Es war ein ganz intensives Bedürfnis spürbar, jetzt noch mal in der Gesamtgruppe zusammen zu sein; das Bedürfnis, sich in dieser Runde von Betroffenen und z.T. Nicht-Betroffenen, ganz persönlich auszutauschen. In dieser Samstagabendrunde war es möglich, die bisher gesammelten Eindrücke zu verarbeiten, sich gegenseitig neue Anregungen und Impulse zu geben, sich gegenseitig Mut zu machen. Jeder Teilnehmer hatte genügend Raum, von sich zu sprechen und Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Verzweiflung, Hadern mit der Erkrankung, Nicht-Akzeptanz des Sehbehindertseins uvm. loszuwerden. Die Atmosphäre war geprägt vom Mitfühlen und Mutmachen, aber auch vom nüchternen Konfrontieren mit der Tatsache "ich bin sehbehindert". Mit dieser nüchternen und auch sehr harten Konfrontation mit der Erkrankung und dem Status "Sehbehindert" war gleichzeitig verbunden, das Mutmachen, das Nach-Vorne-Schauen und die Erkenntnis "ich bin nicht allein damit".
Alle Empfindungen, die im Verlauf der Augenerkrankung in jedem Betroffenen - und auch in dem normal sehenden Umfeld - aufleben, konnten wir in dieser Runde aussprechen. Wir fühlten uns trotz unserer Unterschiedlichkeit- von jedem so verstanden, akzeptiert, wohl aufgenommen; es war so leicht, einfach nur da zu sein und sein, wie man ist.
Die Erfahrungsrunde war sehr tiefgründig und sehr persönlich. Und gleichzeitig überwog das Gefühl "wir schaffen das". Auf jeden Fall endete dieser Tag wieder mit dem Eindruck, viel an praktischer Info bekommen zu haben und ein positives Gefühl der gegenseitigen Stärkung mitnehmen zu können.
Wer müde war, ging zu Bett; der Rest traf sich in einer fröhlichen Witzerunde zum Absacker in der kleinen Hotelbar.
Am Sonntag gab es noch einen sehr informativen Vortrag über Kantenfiltergläser und Lichtschutzbrillen von Herrn Plum.
Uns wurde eine Vielzahl von Kantenfiltergläsern mit den dazu passenden Gestellen, der unterschiedlichsten Art, zum Ausprobieren bereitgestellt.
Am Sonntagnachmittag gab es zum Abschluss eine Feedback-Runde der Teilnehmer.
Fazit dieser Runde war:
Es ist wichtig, sich Informationen über Hilfsmittel, Unterstützung jedweder Art zu beschaffen, um auf praktischem Weg seine Sehbehinderung besser zu meistern. Mindestens genauso wichtig ist es, sich mit Betroffenen auszutauschen, seine auch unangenehmen Empfindungen zu zu lassen. Auch sollte man immer wieder auf sein sehendes Umfeld achten, damit gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden kann.
Mein ganz persönliches Fazit: Es war ein wunderschönes Seminarwochenende, wo ich viele tolle Menschen kennen gelernt habe, praktische Hilfen und Anregungen bekommen habe. Ich habe für mich neue Perspektiven gefunden und kann besser akzeptieren, dass ich sehbehindert bin. Eben weil ich erfahren habe, ich bin damit nicht allein. Und es kann "ganz normal sein", sehbehindert zu sein.
Ursula Worms