
Blinde und sehbehinderte Menschen erproben eine reizvolle Führung
SOEST. Die historische Altstadt erfühlen, ertasten und erschmecken: Sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer des LWL-Berufsbildungswerkes Soest haben am 15. September einen Stadtrundgang, der speziell auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen abgestellt ist, erprobt.
Startpunkt des historischen Rundgangs ist das Bronze-Modell der historischen Innenstadt gegenüber des alten Rathauses. Stadtführer Heinz-Georg Büker erzählt dort den jungen Frauen und Männern vom LWL-Berufsbildungswerk Soest einige amüsante Geschichten und Anekdoten aus der Soester Historie. Die Stadtrundgänger ertasten währenddessen den Schauplatz des Geschehens anhand des Stadtmodells. Anschließend geht es vom "Mini-Soest" zu den Bögen des alten Rathauses. Dort bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Kuhhaut in ihre Hände, die derjenigen ähnelt, auf der das Soester Stadtrecht aufgeschrieben ist. Neugierig ertasteen sie das ungewöhnliche Schreibmaterial, das früher jedoch häufig Verwendung fand. "Für die Abschrift einer Bibel waren etwa 200 Kühe nötig", erzählt Stadtführer Büker schmunzelnd. Im weiteren Verlauf des Rundgangs kommt die Gruppe auch zur St. Petri-Kirche. Dort ertasten die Teilnehmer den grünen Sandstein, in dem etwa ein versteinerter Seeigel zu fühlen ist. Im Inneren des Gotteshauses gibt es weiter spannende Geschichte zum Anfassen: im Boden eingelassene Grabsteine adeliger Familien oder das achteckige Taufbecken. Im Patrokli-Dom steigt den Teilnehmern Weihrauchduft in die Nase. Anschließend geht es zum Großen Teich, zu einer stilechten Soester Pause mit Pumpernickel. Außerdem trinken die Stadtrundgänger Wasser aus den Soester Quellen. Den Schlusspunkt markiert schließlich das Fachwerkhaus Sauerland und der Besuch des Marktplatzes.
Für alle Teilnehmenden handelte es sich um eine Premiere. Die neue Stadtführung für blinde und sehbehinderte Gäste der Stadt Soest bedeutete eine Herausforderung für Soests Stadtführer. "Normalerweise kommt es darauf an, dass die Teilnehmer etwas zu sehen bekommen", erläuterte Büker und ergänzte: "Unsere Aufgabe ist es, das zu vermitteln, was Sehende sonst nur durch das Auge wahrnehmen." Zusammen mit seinen Stadtführer- Kolleginnen Henny Heitmann und Christa Schinkel sowie Rehabilitationsfachkräften des LWL-Berufsbildungswerkes Soest hatten sie dafür ein geeignetes Konzept entworfen. Die jungen Menschen, die beim ersten Mal mit dabei waren, genossen die Führung sichtlich. Soests Geschichte war für sie zum Greifen nah.
Die Initiative zu diesem Projekt ging von Birgit Moessing vom Stadtmarketing Soest aus. Die Chefin des Soester Stadtmarketing engagiert sich für Barrierefreiheit nicht nur im Internet. So stehen seit dem Jahr 2007 die Texte des "Soester Stadtrundganges"€œ auch in Brailleschrift zur Verfügung. Die neue Stadtführung für blinde und sehbehinderte Menschen dauert ca. 1,5 Stunden und kann ab sofort gebucht werden unter der Telefonnummer 02921 663500-50.
Sie lässt sich zum Beispiel mit einem Besuch des Soester Weihnachtsmarktes, der vom 24. November bis zum 21. Dezember 2008 stattfindet, verbinden.
Weitere Infos unter:
http://www.soest.de
Stefan Rebein/ Erwin Denninghaus

